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TEXTPROBEN WMT

Dieser Beitrag erschien in der Universitätszeitschrift UNISONO

IM BÜCHERMEER ERTRINKEN...

von Werner M. Thelian

"Bibliothek (griech.), Büchersammlung; Bibliotheken können entweder im Privatbesitz (Privatbibliotheken) oder in dem des Staates, einer Stadt oder öffentlichen Körperschaft (öffentliche Bibliotheken) sein oder einem bestimmten Kreis von Personen (Mitglieder einer Behörde, Akademie usw.) zur Benutzung dienen", steht in Meyers Kleinem Konversations-Lexikon von 1906 zu lesen, das so klein ja gar nicht ist. Genauer betrachtet, nehmen seine sechs umfangreichen Bände im meiner bescheidenen "Privatbibliothek" viel Platz weg und lassen durch ihr beträchtliches Gewicht - immerhin rund 2,5 kg pro Band - zusammen mit anderen "Wälzern" die nicht gerade massiven Bücherregale an manchen Stellen gefährlich durchhängen.

Aber nicht das Gewicht von Büchern soll hier im Mittelpunkt stehen - wenn auch so manche Buchhandlung von Zeit zu Zeit der kulturellen Unsitte anheimfällt, beim Verkauf von "Ladenhütern" den Kilopreis zum Richtmaß zu erheben -, sondern eher ihre Anzahl und ihre flächenmäßige Ausdehnung.

Möglichst viele Bücher zu möglichst unterschiedlichen Themenbereichen zu besitzen, fördert zwar den Stolz der meisten Büchersammler, schafft andererseits aber auch erhebliche Platzprobleme. Und das nicht nur in meiner relativ kleinen privaten Bibliothek, sondern auch und vor allem in den öffentlichen und halböffentlichen Großbibliotheken, die sich zwar als "Sammelbecken des Wissens" verstehen, als solche aber häufig schon am Überlaufen sind.

Das Wissen ist unheimlich angewachsen

"Wer soll die vielen Bücher den überhaupt noch lesen?", ist eine der berechtigten Fragen in diesem Zusammenhang. Und täglich, fast schon stündlich kommen neue Bücher dazu; zu allen nur erdenkbaren Themen und - was noch viel gravierender ist - von sehr unterschiedlicher Qualität. Wohlüberlegte Kommentare zum chinesischen "I-Ging" fristen ihr Dasein ganz in der Nähe von Kochbüchern, die abenteuerlichen Science-Fiction-Romane eines amerikanischen Erfolgsautors stehen gleich neben den Klassikern der Weltliteratur. Und im "Spiegel" lese ich, daß derzeit allein über den deutschen Buchhandel an die 500.000 Titel lieferbar sind. Und jährlich kommen geschätzte 50.000 Neuerscheinungn dazu.

Trotz dieses geradezu unheimlichen Wachstums grasiert in der Bücherbranche die Zukunftsangst und ist seit Jahren eines der meistbeklagten Themen immer dann, wenn Buchhändler, Verleger und Autoren aufeinander treffen. Der ständig wachsende Buchbestand, die kaum noch zu bremsende Produktion von immer neuen Büchern in immer höheren Auflagen schafft beinharte Konkurrenzverhältnisse unter Autoren und Verlegern; und die ohnehin leidgeprüften Buchhändler kommen mit der Lagerhaltung nicht mehr mit. Eine halbe Million verschiedener Titel auf Lager zu haben schaffen nicht einmal die Großen.

Mit der Zahl der Bücher ist aber auch das Wissen, das in vielen von ihnen aufgeschrieben steht, in den letzten Jahrzehnten unheimlich gewachsen. In einer vernünftigen Relation zur Anzahl der Publikationen steht es damit aber noch lange nicht. Schon im 19. Jahrhundert schrieb der Philosoph und Naturforscher Gustav Theodor Fechner, daß "den neuen Büchern nichts anderes übrig blieb, als die alten Bücher zu beschreiben oder abzuschreiben, gleichsam wie Menschen oder Ratten, wenn sie rings um sich alles verzehrt haben, einander selbst anfallen. Die ganze Welt steht jetzt abgebildet, beschrieben, übersetzt, kommentiert, bewiesen, widerlegt, verbessert und neu herausgegeben in Büchern, sodaß man jetzt von einem Ding leichter hundert Stellen angeben kann, wo es geschrieben steht, als wo es selbst steht."

Aus den hundert Stellen sind seither tausend und noch mehr geworden. Und die zu verarbeiten, sie in sich aufzunehmen, gegeneinander abzuwägen und miteinander zu vergleichen, ist vollends unmöglich geworden. Während noch im vorigen Jahrhundert so mancher große Gelehrte mit gutem Recht von sich behaupten konnte, den weitaus größten Teil des Wissens seiner Zeit zu überblicken, kann das heute niemand mehr. Allzu sehr ist das Wissen angewachsen und zu sehr hat es sich verzweigt.

Von der Last der Bibliothekare

"Wenn das so weitergeht, werden wir im Büchermeer noch ertrinken", sagen die einen; "Wissen ist Macht", erwidern die anderen. Um dieses Wissen aber in Bibliotheken und Archiven zu verwalten, genügen längst nicht mehr die fast schon romantisch stimmenden Handkataloge und Karteikästen aus früheren Tagen. Die moderne Technik und die in ihrem Namen ersonnenen Speichermedien haben im und am Bücherberg ein neues und herausforderndes Betätigungsfeld gefunden.

Während Bücherromantiker den Verlust der verstaubten Karteizettel beklagen, haben die Bibliothekare alle Mühe, bei der Umstellung des Bücherbestandes auf die neuen Computerdatenbanken nicht allzu sehr in Verzug zu geraten. Denn die Zeit ist knapp im Kampf gegen die Bücherflut. So dauert in der österreichischen Nationalbibliothek die bibliothekarische Erfassung und "Einstellung" eines neuen Buches statistisch gesehen rund eineinhalb Stunden. Bis das betreffende Buch aber zur Prozedur des Erfassens überhaupt auf dem Tisch liegt, vergehen nicht selten eineinhalb Jahre. Manche Bibliotheken, so heißt es, sollen bis zu drei Jahre im Rückstand sein.

Und das ist auch gar kein Wunder. Seit 1974, das wurde feinsinnig errechnet, hat sich der bis dahin weltweit existierende Bestand an Schriften verdoppelt. Und kaum irgendwo ist diese rasante Entwicklung besser abzulesen, als in der Zunahme des Bücherbestandes in den großen Bibliotheken.

Freilich muß man gerade hier sehr vorsichtig sein, denn längst schon haben viele Bibliotheken - auch die österreichischen - mit schmerzhaften Kürzungen des Budgets für den Ankauf von neuen Büchern zu kämpfen. Keine derartigen Probleme kennt die British Library, die im Jahr um etwa 30 Kilometer Stellfläche wächst. Und auch die berühmte Library of Congress in Washington hat einen jährlichen Bücherzuwachs von mehr als 1 Million Titel zu verzeichnen. Weitaus schlechter bestellt ist es da schon um die Nationalbibliothek in Wien, deren gekürztes Budget gerade noch einen jährlichen Zuwachs von 30.000 Bänden erlaubt. An der Klagenfurter Universitätsbibliothek, mit mehr als einer halben Million Bücher Kärntens Aushängeschild, werden von den Beamten jährlich rund 13.000 Bände neu in die Kataloge aufgenommen.


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