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Dieser Beitrag erschien in mehreren Zeitschriften

Der Blick in die Zukunft

In einer Zeit, in der die Grenzen des wirtschaftlichen und technologischen Fortschritts am Horizont sichtbar geworden sind, hat sich der Blick in die Zukunft zu einem lukrativen Geschäft entwickelt.

von Werner M. Thelian

Der Wunsch, einen Blick in die Zukunft zu werfen, Künftiges rechtzeitig zu erkennen und sich zunutze zu machen, gehört unbestreitbar zu den großen Träumen der Menschheit. Kaum eine andere Wunschvorstellung aus dem bunten Sammelsurium menschlicher Allmachtsträume hat ihre Wurzeln so tief in der historische Entwicklung unseres Denkens und Fühlens verankert wie der Wille, nicht nur Herr über Gegenwart und Vergangenheit, sondern auch über die Zukunft zu sein.

Es ist das jahrhundertealte Modell einer kontinuierlich voranschreitenden, sich aus lauter einzelnen, unwiederholbaren Augenblicken zusammensetzenden Zeit, das den Blick in die Zukunft zu verunmöglichen scheint. Kein Wunder also, daß die Sehnsucht nach der Zukunftsschau gerade dann besonders groß ist, wenn es um Schicksalsfragen geht. Ob in der griechischen Antike dem Orakel von Delphi die Entscheidungsgewalt über Fragen der Zukunft zugesprochen wurde oder nach altägyptischer Vorstellung bestimmte Träume und ihre fachkundige Deutung das Schicksal vorherzusagen vermochten, der Drang, der Jetzt-Zeit voraus zu sein, hat unverkennbar seine Spuren hinterlassen.

Auch als ernstzunehmende Angelegenheit von Natur- und Geisteswissenschaftlern, von Wirtschaftsfachleuten und Managern hat sich der alte Menschheitstraum manifestiert. Gerade in einer Zeit, in der die Grenzen der Menschheit, ihres Handelns und ihrer moralischen Kategorien, am Horizont sichtbar geworden sind und die Grenzen des Fortschritts schon spürbar vor uns liegen, haben Prognosen einen neuen Stellenwert bekommen. Wenn soziale Systeme versagen, die Wirtschaft weltweit krankt und trotzdem nach den Marktnischen des 21. Jahrhunderts sucht, dann tut "Weitblick" not. Das Geschäft mit der Zukunftsforschung boomt, und wer künftige Entwicklungen glaubwürdig vorherzusagen vermag, der ist nicht selten ein Günstling der Mächtigen und Reichen.

Elektronische Szenarien werden entworfen, gegenwärtige Trends bis ins Unendliche verlängert, Bevölkerungsentwicklungen vorhergesagt und das künftige Wirtschaftswachstum eingeschätzt. Und dennoch ist rein gar nichts sicher bei dieser Zukunftsschau. Am ehesten noch, daß das, was kommen wird, wohl ganz anders ist, als wir es in unseren kühnsten Träumen ausmalen.

Schon in den siebziger Jahren ist der prominente Zukunftsforscher Hermann Kahn an die Grenzen des eigenen Metiers gestoßen. Als er sich in "Things to come" (1972) an die Vorhersage der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen der siebziger und achtziger Jahre wagte, ging er gründlich fehl, als der dem Thema "Erdöl" nicht einmal einen Indexeintrag widmete. Allerdings konnte 1972 auch der Club of Rome mit "Die Grenzen des Wachstums" seine erste Studie zur Weltproblematik veröffentlichen. Das Echo war überwältigend. In Fachkreisen und der internationalen Presse entbrannte eine heftige Kontroverse über die Studie, die vor einer undifferenzierten Wachstumspolitik und der Zerstörung der Umwelt warnte.

Das umstrittene Werk erreichte bis heute eine Gesamtauflage von mehr als 10 Mio. Exemplaren und wurde in mehr als dreißig Sprachen übersetzt. Seither hat der Club of Rome fast zwei Dutzend Berichte über eine Vielzahl ähnlicher Probleme vorgelegt und sich zu einer ernstzunehmenden Institution der Sorge um die Zukunft entwickelt.

Mit Geld und Erfolg überhäuft werden aber auch jene aus der Zunft der Zukunftsforscher, denen es weniger um die globale Probleme geht, sondern eher um ein höchst lukratives Geschäft mit dem Künftigen. Es sind Spezialisten, die ihre wirtschaftlichen Szenarien zu teuren Tagessätzen entwerfen, in Büchern veröffentlichen oder als Geheimstudien an die Wirtschaft weiter geben. Sechs oder siebenstellige Summen gehen über den Ladentisch, wenn sich Konzerne wie Coca Cola, American Express oder Philip Morris die Dienste der Zukunftsforscher sichern. Berater wie die amerikanische Trendforscherin Faith Popcorn ("Popcorn-Report") und der deutsche Unternehmensberater Gerd Gerken schätzen künftige Lebensstile und Konsummuster ein und hantieren dabei nicht selten erfolgsgewohnt mit Gleichungen mit zahlreichen Unbekannten. Wenn sie überhaupt noch Katastrophen wittern, dann den Niedergang eines bestimmen Konsumartikels und die Hinwendung der Käufe zu einem Konkurrenzprodukt.

Daß freilich alles anders kommen kann, wird auch von den geschäftstüchtigen Trendforschern nicht verschwiegen. Gerken: "Ich habe keine Wahrheit. Nach zwei Jahren kann ich über meine eigenen Bücher lachen." Wenn aber auch sie es nicht sind, die die Zukunft vorherzusagen vermögen, wer dann? Vielleicht sind die wahren Meister der Zukunft in Wirklichkeit anderswo zu finden. Nur in seltenen Fällen kassieren sie hohe Tagesgagen und doch scheint ihre Trefferquote, auf die sie übrigens keinerlei Wert legen, recht hoch zu sein. Die Rede ist von den Science-Fiction-Autoren, für die die Zukunft zum täglichen Brot gehört.

Doris Lessing, eine der prominentesten unter ihnen: "Manchmal hat man das Gefühl, daß wir Punkte auf einer Liste abhaken, die mit den ersten Science-Fiction-Magazinen der dreißiger und vierziger Jahre geschrieben wurden. Man muß sich nur einmal den Mond-Buggy ansehen, den die NASA sich ausgedacht hat - den haben wir schon vor langer Zeit auf dem Umschlag eines Magazins gesehen. Dafür haben sie ganz schön lange gebraucht! Raumkolonien? Hologramme? Was ihr nicht sagt!"


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