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Dieser Beitrag erschien in der Universitätszeitschrift UNISONO
| VENEDIG – STADT ZWISCHEN TRAUM UND
WIRKLICHKEIT
von Werner Thelian Es war und ist das Schicksal Venedigs, auf Wasser erbaut zu sein, die Kraft einer vergangenen Wirtschaftsmacht in sich zu spüren und sich doch dem hartnäckigen Gerücht ausgeliefert zu sehen, eines Tages in des Meeresfluten zu versinken. Wie Gustav von Aschenbach in Thomas Manns Novelle "Der Tod in Venedig" die "unwahrscheinlichste der Städte" erreicht, vom Meer aus nämlich, um tief in ihr und zugleich auch in sein eigenes Innerstes vorzudringen, so haben vor und nach ihm Millionen von Reisenden den eigenartigen Reiz der Lagunenstadt erlebt. Dort, wo noch heute venezianische Gondeln, "aus balladesken Zeiten ganz unverändert übernommen und so eigentümlich schwarz, wie sonst unter allen Dingen nur Särge es sind", die Kanäle befahren, haben viele das "märchenhaft Abweichende" gespürt, das den Charakter Venedigs ebenso prägt, wie die Höhepunkte seiner wechselvollen Geschichte. Verworrene Berichte von geheimer Polizei, von dunklen Verliesen, von Spionen, Inquisition und so mancher anderen Grausamkeit trugen jahrhundertelang ebenso zu diesem Bild der Stadt bei, wie die zahlreichen Gässchen und Kanäle und die Masken des Karnevals, hinter denen sich fremde Gesichter verbergen. Der Schleier des Geheimnisvollen und Abgründigen, des Gefährlichen und Undurchsichtigen lag und liegt noch heute über der Stadt. Oder mit den Worten Erich Hellers: "Venedig war der unvermeidliche Ort, die Stadt, die sich den Anschein gibt, als hätte sie der Wille zur Macht zu Ehren des Todes erbaut." Einst gehörte Venedig zu den reichsten Städten der Welt, war die "Haupthandelsagentur des Mittelalters" im Warenverkehr zwischen Ost und West, zwischen Süd und Nord. Das erzählt man dort auch den Touristen aus aller Welt, die Sommer für Sommer in Massen das Eldorado der Liebenden überschwemmen, um hier jenes Geld auszugeben, dessen Gebrauch ihre Vorfahren vor Jahrhunderten eigentlich von den Venezianern gelernt haben. Schon früh haben sich die Venezianer das Meer erschlossen, den Handel mit Byzanz und dem Osten, der ihnen im Mittelalter den Höhepunkt ihrer politischen und wirtschaftlichen Macht bescherte. Früher als andere lernten sie die reizvollen Waren kennen, die die Länder des Ostens zu bieten hatten – jene Fülle von Gewürzen, Arzneien, Tüchern und anderen orientalischen Luxusgütern, die fortan die Geschicke des überregionalen Handels bestimmten. Wovon die mittelalterlichen Kreuzfahrer schwärmend nur berichten konnten, das hatten die Venezianer den Ländern des Alpenraumes anzubieten. Beinahe jedes Gebäude in der Stadt Venedig hat seine eigene Geschichte, die es mit der Geschichte der Stadt und der Geschichte Europas verbindet. Wenn man zum Beispiel vor dem heutigen Hauptpostamt steht, das sich am Rande des Campo San Bartolomeo, einem der belebtesten Plätze der Stadt, erhebt, dann wird man sich der vergangenen wirtschaftlichen Bedeutung Venedigs für die Alpenländer bewußt. Denn das Hauptpostamt, in dem man heute den schleppenden Gang der Briefe kontrolliert, war früher der deutsche Handelshof, der berühmte "Fondaco dei Tedeschi". Seit 1225 gab es dieses "Kaufhaus der Deutschen", in dem die fremden Kaufleute aus den Alpenländern Quartier beziehen mußten, wollten sie in Venedig ihren Geschäften nachgehen. Unter den strengen Augen staatlicher venezianischer Vermittler wurden hier Geschäfte abgeschlossen, bei denen Venedig aufgrund des "Stapelrechtes" eifrig mitkassierte. Keinem fremden Kaufmann war es nämlich erlaubt, über Venedig hinaus mit dem Schiff Handel zu betreiben. Die zahlreichen geräumigen Kammern des Fondaco wurden unter den wichtigsten Handelsorten und Handelsherren aufgeteilt. Auch die berühmten Fugger aus Augsburg bezogen hier im Jahre 1484 ihre Räumlichkeiten, die zuvor noch die der steirischen Handelsstadt Judenburg gewesen waren, Und was wurde hier nicht alles gehandelt und umgeschlagen? Besonders beliebt waren die Arzneien und Gewürze aus Asien und der Levante, die im Handel mit den deutschsprachigen Ländern einen hohen Gewinn einbrachten. Und die Auswahl war groß. Immerhin zählt das Buch der "Handelsbräuche des Florentiners Pegolotti" aus dem 14. Jahrhundert 188 verschiedene Gewürze auf. Dazu kamen noch Baumwolle, Leinen, Seide, Staubzucker, Lavendel, Wachs, Ammoniak, Glas, Vitriol und viele andere Waren, die sich auf den Einkaufslisten der in Venedig tätigen deutschen Händler fanden. Aber auch die Kaufleute aus den Alpenländern hatten interessante Waren anzubieten. Eisen vor allem, Blei und Erze, aber auch Ochsen. Darum auch wurde eine der wichtigsten Fernhandelsstraßen nach Venedig, die über Villach und das Kanaltal, die "strada del ferro", die "Eisenstraße" genannt. Aus dieser Zeit rührt übrigens auch die wirtschaftliche Bedeutung der Stadt Villach. Am Knotenpunkt wichtiger Handelsstraßen gelegen, profitierten die Stadt und ihre Bürger jahrhundertelang vor allem vom Handel der Alpenländer mit der "Agentur Venedig" und umgekehrt. Erst als Vasco da Gama 1497-1499 den Seeweg um das Kap der Guten Hoffnung nach Indien entdeckte, erlebten Venedigs Vormachtstellung im europäischen Handel und damit auch die wirtschaftliche Bedeutung Villaehs einen Einbruch. Neue Handelszentren etablierten sich und zogen immer mehr Händler von den Wegen durch Kärnten und das Kanaltal weg. Aber es sollte trotzdem noch fast hundert Jahre dauern, ehe die wirtschaftliche Blütezeit Venedigs vorüber war. Und noch 200 Jahre später verfügte Venedig über mehr Reichtum als die mitteleuropäischen Großmächte, der schließlich auch zur Grundlage der bemerkenswerten Blüte von Kunst und Kultur im 17. und 18. Jahrhundert wurde. Aber auch heute baut die Stadt wieder auf die Fremden, die zur Karnevalszeit und im Sommer in Massen die engen Gassen und großen Plätze Venedigs belagern und seit Jahrzehnten schon die Realität des "mittelalterlichen Wirtschaftswunders" durch den reichen Segen des "Tourismuswunders" ersetzt haben. Aber das konnte der venezianische Kaufmann Girolamo Priuli anno 1501 noch nicht wissen, als er unter dem Eindruck der Entdeckung der neuen und für Venedig so gefahrlichen Schiffsroute nach Indien in sein Tagebuch schrieb: "Wenn der Warenhandel in Venedig zurückgeht, ist dies, wie wenn einem Kleinkind Milch und Nahrung entzogen werden. Deshalb sehe ich klar den Ruin der Stadt Venedig vor mir, weil der Handel schwindet und das Geld, welches Venedigs Glanz und Ruhm hervorgebracht hat, dahinschmilzt." |
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